Medizin seit hunderten Jahren am Standort „Uniklinik“

Aachen, 24.11.2016 – Eine für Deutschland einmalige Publikation über eine mittelalterliche Leprastation legte nun das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland mit dem 73. Band der „Rheinischen Ausgrabungen“ über Aachen-Melaten vor. Die beiden Hauptautoren, der Archäologe Paul Wagner M. A. und der Anatom Prof. Dr. med. Andreas Prescher von der Uniklinik RWTH Aachen, kommen übereinstimmend zu der Beurteilung, dass die in Melaten untergebrachten Menschen vergleichsweise gut versorgt waren.

Das Aachener Leprosorium nimmt deutschlandweit eine herausragende Stellung in der Forschung ein, da hier sowohl originale Bausubstanz als auch der zugehörige Friedhof erhalten geblieben sind und als Ensemble wissenschaftlich untersucht werden konnten. Die 446 Seiten starke Publikation beleuchtet die Geschichte des Leprosoriums und seines Friedhofs aus archäologischer, medizinischer, geologischer, historischer und baugeschichtlicher Sicht.

Im Mittelalter isolierte man Leprakranke, um eine Ausbreitung der ansteckenden Krankheit zu verhindern. Sie wurden „ausgesetzt“ und lebten in „Aussätzigen- stationen“, auch „Siechhäuser“ genannt. Diese fanden sich meist an Ausfallstraßen, um den Kranken das Betteln für ihren Lebensunterhalt zu ermöglichen. Die Aachener Leprastation lag unmittelbar an der Krönungsstraße von Aachen nach Maastricht, der „Via Regia“. Der Name Melaten ist vom französischen malade, krank, abgeleitet.

Den Recherchen und Untersuchungen zufolge sah das Aachener Leprosorium wahrscheinlich wie folgt aus: Um die 1234 erstmals erwähnte Kapelle, deren Fundamente bis heute erhalten geblieben sind, gruppierten sich einfache Holzbauten, die nach dem Tod ihrer Bewohner abgerissen wurden. Zur Versorgung des Leprosoriums dienten große landwirtschaftliche Flächen. Die Toten bestattete man auf dem zugehörigen Friedhof. Nach Aufgabe des Leprosoriums war Melaten ein landwirtschaftliches Gut; 1966 erwarb es das Land Nordrhein-Westfalen zur Errichtung der Uniklinik RWTH Aachen.

Die 1988 und 1989 durchgeführten Ausgrabungen des Friedhofs wurden vom LVR- Amt für Bodendenkmalpflege in Kooperation mit der Uniklinik durchgeführt. Bereits bei Untersuchungen durch den Aachener Arzt Prof. Dr. Egon Schmitz-Cliever und den dänischen Lepraforscher Prof. Dr. Vilhelm Møller-Christensen 1969 und 1972, hatte sich eine gute Knochenerhaltung im Erdreich gezeigt.

Bei den Ausgrabungen 1988/89 bargen die Grabungsteams 138 menschliche Skelette und zahlreiche weitere Knochen. Insgesamt waren 250 bis 300 Personen auf dem Friedhof bestattet. Archäologische Funde, naturwissenschaftliche

Datierungen von Knochen und der Umstand, dass die 1234 erwähnte Kapelle einige, bereits vorhandene Gräber schneidet, weisen auf den Beginn der Belegung im 12. Bis 13. Jahrhundert hin. Die Bestattungen enden wahrscheinlich 1550 mit der Schließung des Leprosoriums und der Umwandlung in ein landwirtschaftliches Gut.

Für den leitenden Archäologen Paul Wagner, früherer Außenstellenleiter des LVR- Amtes für Bodendenkmalpflege, zeigt sich als Ergebnis der archäologischen Untersuchungen ein fürsorglicher Umgang mit den Toten, der auch auf einen entsprechenden Umgang mit den Kranken schließen lasse. Wagner: „Dass hier nicht einfach ein wüster Totenacker genutzt wurde, um sozial ausgegliederte Kranke zu beerdigen, zeigt die große Anzahl der Sargbestattungen, die für die damalige Zeit ein auffällig hohes Maß an Fürsorge und Aufwand bezeugt. Auch die Funde sprechen dafür, dass sozialer Status und Herkunft für die hier Bestatteten nicht völlig verloren waren.“ Die in Reihen angeordneten Gräber waren in der Regel beigabenlos. Ausnahmen bilden Schnallen, darunter eine Ave-Maria-Schnalle.

Ein besonderer Fund ist ein Typar, ein kleiner Siegelstempel. Er wurde im Hüftbereich eines 50- bis 60-jährigen Mannes zusammen mit zwei Gürtelschnallen gefunden. Er befand sich wohl ursprünglich in einer Tasche am Gürtel. Auf dem Siegel ist Petrus dargestellt, der einen Schlüssel und ein Buch in den Händen hält. Die Umschrift „S(IGILLUM) P(E)T(R)US P(RES)B(I)T(ER) DE WAVRA“ weist auf ihren Besitzer hin. Entweder gehörte dieser zu einer Adelsfamilie de Wavre oder es war die belgische Stadt Wavre gemeint.

Die verschiedenen medizinischen und anthropologischen Untersuchungen der Knochen an der Uniklinik RWTH Aachen bestätigen die Lepra-Erkrankung in Melaten. Prof. Dr. Andreas Prescher vom Institut für Molekulare und Zelluläre Anatomie: „Lepra ist durch das pathognomonische Møller-Christensen-Syndrom eindeutig nachgewiesen. Diese typische Manifestation im Bereich des Gesichtsschädels liegt bei etwa 7 Prozent der Bestatteten vor.“ Für Lepra spricht auch das kombinierte und häufige Auftreten von an sich unspezifischen Knochenveränderungen. Festgestellt wurden Knochenhautentzündungen, trophische Knochenveränderungen, Gefäßrillen und Lochdefekte, die ansonsten nicht in dieser Kombination und Häufigkeit zu erwarten wären. Für Andreas Prescher deuten verschiedene Befunde außerdem darauf hin, dass sich die Manifestation der Lepra in Aachen deutlich von der z. B. in Dänemark auftretenden Lepra unterscheidet.

Die bestattete Population weist Männer und Frauen in einem ausgewogenen Verhältnis auf. Einige Knochen sind zweifelsfrei Reste von kleinen Kindern und Säuglingen. Hierbei stellt sich die Frage, ob Familien im Leprosorium lebten. Das Durchschnittsalter der Skelette, die eine Altersbestimmung erlauben, liegt in Melaten, einschließlich 5,8 Prozent Minderjähriger, bei 40,8 Jahren (Männer: 44,7 Jahre und Frauen 41,3 Jahre). Damit weist die Aachener Leprapopulation ein deutlich höheres Durchschnittsalter auf, als andere historische Leprapopulationen, z. B. in Næstved, Dänemark. Andreas Prescher: „Das für Leprakranke vergleichsweise hohe Lebensalter der Erwachsenen spricht für eine gute Versorgung in Melaten.“

Am Knochenmaterial treten Missbildungen und andere körperliche Stigmatisierungen nicht gehäuft auf. Somit kann aus Sicht von Andreas Prescher die Vermutung, dass Melaten nach der Schließung des Leprosoriums noch als „Krüppelheim“ genutzt wurde, wie von historischer Seite manchmal geäußert, nicht bestätigt werden. Syphilis und Knochentuberkulose waren ebenfalls nicht nachzuweisen, sodass auch ein Heim für die Isolierung und Unterbringung solcher Patienten nicht begründet werden konnte. Anhand der untersuchten Skelette ergeben sich keine Hinweise auf hingerichtete Personen vom nahe gelegenen Aachener Richtplatz, stellte die Rechtsmedizin fest.

„Nachdem im vergangenen Herbst die umfangreiche Untersuchung über die Pfalz Karls des Großen eine breite Beachtung gefunden hat, kann unser Amt mit dem Melatenband nun erneut eine für die Geschichte der Stadt Aachen wichtige Publikation vorlegen“, sagte Prof. Dr. Jürgen Kunow, Leiter des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland.

Das Gut Melaten gehört heute zur Uniklinik RWTH Aachen. Peter Asché, Kaufmännischer Direktor der Klinik, blickt nach so viel Geschichte auch in die Zukunft: „Wir freuen uns, dass ein so bedeutsamer Ort Aachener Stadtgeschichte und Krankenversorgung in direkter Nähe zur heutigen Uniklinik liegt. Wir werden uns bemühen, das Gut Melaten angemessen wiederherzustellen, um das geschichtsträchtige Gebäude wieder nutzbar zu machen. Aufgrund der exponierten Lage des Gutes denken wir an die künftige Nutzung als Lern- und Konferenzzentrum.“